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Der 51 Jahre alte Fahrer spricht die junge Prostituierte an. Sie parken im Hinterhof eines Bordells am Hammer Deich.


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Online: 2 Minuten vor

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Nachts geht sie auf den Strich — um mit Prostituierten zu reden.

Missie
Jahre 50

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Nachts geht sie auf den Strich — um mit Prostituierten zu reden. Die Frauen verkaufen Sex. HAMBURG taz Nach der Arbeit geht sie auf den Strich. Die Tasche ist grau, nichts Besonderes. Doch mit ihr wird Wiemer sofort erkannt.

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Es ist Freitagabend kurz vor Mitternacht. Es windet und regnet in Schauern.

Hamburgwetter, kurz vor der Autobahn. Zwischen geparkten Autos, in Abständen von mehreren hundert Metern, blitzen sie auf, die künstlichen Glitzersteine auf ihren Jacken, klackern die hohen Absätze. Wiemer hat die erste Frau entdeckt, geht langsam auf sie zu.

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Wiemer ist nur noch wenige Meter von ihr entfernt, da rollt ein Auto aus der Tankstellenausfahrt — und stoppt vor Julia. Das Geschäft zu stören wird nicht gerne gesehen. Später wiederkommen schon. Stunden zuvor, es ist kurz nach Mittag, trägt Saskia Wiemer einen dunklen Hosenanzug, blonde, offene Haare und eine goldene Uhr am Handgelenk. Der Schreibtisch in ihrem Büro ist aus dunklem Holz.

Darauf: Bildschirm, Telefon, ein Locher. Zehn, elf, manchmal dreizehn Stunden am Tag liest sie Verträge, schreibt Klagen oder verhandelt Unternehmensverkäufe in Millionenhöhe. Sie verdient gut, lebt in einer hellen Wohnung in einem begehrten Stadtteil Hamburgs. Sie könnte sich nach einer Stunden-Woche am Freitagabend auf die Couch legen oder in den teuren Bars der Stadt Cocktails trinken — doch sie geht in eine kleine, verwinkelte Zweizimmerwohnung am Hans-Albers-Platz, nahe der Reeperbahn. Seit beinahe 35 Jahren machen sie das, Wiemer ist seit zweieinhalb Jahren dabei.

Sie ist eine von fünfzehn Ehrenamtlichen der Teestube Sarah auf St. Davon bezahlen sie die Miete, Gottesdienste und den Tee. Die Ehrenamtlichen wollen den Frauen ihre Arbeit ein klein wenig erleichtern.

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Deshalb lehnt Anwältin Wiemer, als Expertin in Sachen Verbote, ein Prostitutionsverbot ab. Es würde die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen weiter verschlechtern, da ist sie sich sicher. Doch Geld verdienen ist für die Sexarbeiterinnen besonders an Feiertagen schwierig, denn es halten nur wenige Autos an.

Viele Männer sind in der Weihnachtszeit mit ihren Familien unterwegs. Die eine Welt darf die andere Welt nun mal nicht berühren.

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Wiemer und ihre Kollegen bringen diese andere Welt für einen kurzen Moment zu ihnen. Sie sollen spüren, dass jemand für sie da ist. Deshalb spricht Wiemer alle Frauen mit Namen an. Das sei ihr wichtig, sagt sie, denn es zeige echtes Interesse.

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Trotz der vielen Kolleginnen sind die Sexarbeiterinnen oft alleine. Ihnen fehlt, was für die meisten Menschen selbstverständlich ist: über ihre Arbeit zu reden.

Auch Saskia Wiemer erzählt nur wenigen von ihrem Ehrenamt in der Teestube, weshalb sie in der Zeitung nicht ihren echten Namen lesen will. Wiemer versucht, solche Mandanten an Kollegen abzugeben. Wiemer will sich nicht anbiedern. Die erste Reaktion der Frauen reicht aus, um zu entscheiden: Bleibt sie stehen oder geht sie weiter.

Wiemer fragt nach dem Weihnachtsfest. Jessica erzählt von ihrem Verlobten, von den Eltern, die ihr unterstellen, auf Kosten des Freundes zu leben. Sexuelle Vorlieben mancher Kunden zum Beispiel. Aber auch: ihre Biografien. Die Frauen werden nicht verschleppt, misshandelt oder verkauft. Sie stehen freiwillig zwischen den Süderstraße hamburg frauen. So freiwillig, wie man das eben nennen könne, sagt die Anwältin. Ihre Abhängigkeit besteht aus Schulden, einer abgebrochenen Ausbildung, einer zerrütteten Familie — oder schlicht aus dem Reiz des Geldes.

So ist es auch bei Nadja. Ihre Haare sind schwarz, die Fingernägel glitzern. Jahrelang arbeitete sie als Verkäuferin. Das war einmal. Sie beklagt, dass Freier vor zehn Jahren mehr bezahlt hätten. Auch auf dem Strich ist heute vor allem Geiz geil. Wiemer steigt in das Thema ein und erzählt eine Geschichte aus ihrem Leben, in dem auch manches teurer wird und viele weniger verdienen. Trotzdem erzählt sie nichts über sich.

Die Frauen wissen nicht, dass sie von einer erfolgreichen Anwältin Tee ausgeschenkt bekommen, die ein Honorar pro Stunde verlangt, das manche der Frauen in einer Nacht verdienen. Genau das aber ist es, warum Wiemer in einer kalten Winternacht ihre rosa Regenjacke anzieht. Sie will mit ihrem Ehrenamt etwas zurückgeben. Die Welt ein bisschen besser machen.

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Eine bessere Welt — was aber soll das sein? Es ist vielleicht eine Welt, in der sich Menschen helfen, wenn sie können. Wiemer kann. Und wenn es nur ein paar Stunden nach Feierabend sind. Das vielleicht reiche schon. Als Anwältin bin ich nicht sozial.

In welchem anderen Gewerbe müssen Ehrenamtliche warme Getränke in zugigen Industriegebieten verteilen? Fragt man die Frauen, sind sie froh über das Angebot der Teestube. Sie vertrauen Wiemer und ihren Kollegen. Auch deshalb, weil sie ihnen nicht von einem vermeintlich besseren Leben erzählen und sie damit zum Ausstieg überreden wollen.

Über einen Ausstieg aber denkt Nadja, die ehemalige Verkäuferin, schon lange nach. Der Regen hat nachgelassen. Saskia Wiemer packt die Thermosflasche ein und hängt die Tasche über ihre Schulter, da erzählt Nadja, dass sie sich zu einer Ausbildung als Friseurin entschieden hat.

Saskia Wiemer antwortet nicht. Sie lächelt. Wir freuen uns über eine Mail an süderstraße hamburg frauen taz. Abonnieren Sie die taz für 10 Wochen und bekommen dazu Das Kapital in Farbe: Ein JARI-Comic. Das Probeabo endet automatisch.

Gesucht wird Sex in jeder Spielart, ohne Vorlaufzeit, jederzeit verfügbar: Ist Prostitution eine normale Dienstleistung? Was sagen die Kunden?

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Die Freier sollen in die Verantwortung genommen werden. Die Ideen von Union und SPD zur Verschärfung des Prostitutionsgesetzes sind absurd. Zuhälterei und Menschenhandel sind schwer zu erkennen. Ist es sinnvoll die Freier zu bestrafen? Das bringt nichts, meint ein Polizist. Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette. Dann mailen Sie uns bitte an kommune taz. Eine Anwältin auf dem Strich. Die EU erwägt, Investments in Atomkraftwerke als nachhaltig einzustufen.

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